Schöne, alte Schrift

Welt am Sonntag Autor: Claudia Guderian| 06:37

Die neue "Kursivschrift" hatte eine leichte Neigung nach rechts, so ließ sich schneller schreiben. Als Kurrentschrift wurden die einzelnen Buchstaben miteinander verbunden.
Das Schreiben war nach der großen Preußischen Schulreform von 1741 normiert und aus dem Leben der Menschen nicht mehr wegzudenken. Es erfüllt auch, sagt Overgaauw, ein menschliches Grundbedürfnis. Seine Intimität zeige sich darin, dass zum Beispiel Kochrezepte bis heute meistens handgeschrieben sind. Den Siegeszug der deutschen Schreibschrift schien noch in den 1920er Jahren nichts aufhalten zu können. Ludwig Sütterlin vereinfachte die Kurrentschrift 1911 noch einmal, 1935 wurde sie verbindlich an allen deutschen Volksschulen gelehrt.
1941 kam der Umschwung. Frankreich war erobert. Bald würde ganz Europa Deutsch sprechen. Dann allerdings, überlegte Martin Bormann, Hitlers Leiter der Parteikanzlei, hätte man es mit Völkern zu tun, die Lateinisch schrieben. Er ließ daher die deutsche Schrift nicht mehr lehren. Ab 1941 lernten alle deutschen Schulkinder nur noch die lateinische Ausgangsschrift. Ironie der Geschichte: weil so viele Dokumente aus der Nazizeit in Fraktur und Sütterlin überliefert sind, haftet ihr heute das Odium der "Stacheldrahtschrift" an.
Heute können nur noch wenige Menschen die Kurrentschrift. Die Hamburger Sütterlinstube kann sich entsprechend vor Aufträgen nicht retten. Was nach außen hin wie eine nette Seniorenbeschäftigung aussehen mag, ist wichtig, um einen Teil des kulturellen Erbes zu sichern. "Ich wage mir nicht auszumalen, was passiert, wenn wir nicht mehr da sind", sagt Peter Hohn von der Sütterlinstube. "Dann wird es nur noch ein paar wenige unbezahlbare Experten geben, die die alte Schrift lesen können." Weil aber handgeschriebene Dokumente oft intime Mitteilungen sind, die nicht der politisch korrekten Denkweise der Zeit entsprechen, sind sie eine unschätzbare Quelle für Historiker und für jeden Familienforscher, der die Liebesbriefe zwischen Oma an Opa lesen will.
Jugendarbeit, da sind sich alle Beteiligten einig, ist deshalb nötiger denn je. Denn wenn der Generationenfaden erst einmal abgeschnitten ist, gibt es keinen Zugang mehr zum alten Wissen. Die Staatsarchive halten meistens nur eine Buchstabentafel bereit, aber damit kann man keine ausgeschriebene Handschrift lesen. Die Universitäten Heidelberg und FU Berlin bieten im Rahmen der Studiengänge "Editionswissenschaft" zwei Semester­doppelstunden "Paläografie" an.
Weitere Bibliotheken? Institute? Fehlanzeige. "Dafür ist kein Geld da", heißt es. Die Bibliotheken leisten sich die Retrodigitalisierung, nicht aber die Lehre der alten Schriften, in denen die Dokumente verfasst sind. "Noch vor zehn Jahren", sagt Roland Reuß, "habe ich mitleidiges Lächeln der Kollegen geerntet, als ich forderte, man müsse so etwas können, wenn man als Literaturwissenschaftler seriös arbeiten will."

Gerade hat Hamburg das fakultative Erlernen der vereinfachten lateinischen Schreibschrift abgeschafft. Wer hier 2011 schreiben lernt, wird später Muttis Einkaufszettel von 2011 nicht lesen können.

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